Das Benedict-Nimser-Haus

Das Benedict-Nimser-Haus in der Zußdorferstraße in Wilhelmsdorf.

Das wurde geschrieben für die Nachkommen.
Das Volk, das er schafft, wird den Herrn loben.
Psalm 102, 19

Das war sicher der Leitgedanke, als Heinrich Gutbrod und Gerhard Döffinger aus Anlass des 150-jährigen Jubiläums der Brüdergemeinde Wilhelmsdorf auf dem Friedhof die Gedenksteine für die ersten 10 Siedler und die Pfarrer und Vorsteher anfertigen ließen. Auch das Benedict-Nimser-Haus an der Zußdorfer Straße wurde als Erinnerungsstätte für die ersten Bewohner und die Geschichte Wilhelmsdorfs renoviert.

Es wurde mit Möbeln und anderen Einrichtungsgegenständen aus der Anfangszeit, die Wilhelmsdorfer Familien zur Verfügung gestellt hatten, ausgestattet.

Warum heißt dieses kleine Museum Benedict-Nimser-Haus?
Pfarrer Gerhard Döffinger schreibt: „Nach dem Begräbnis des ersten Wilhelmsdorfer Schulmeisters Hiller sagte Benedict Nimser zu seiner Nichte Luise:
„Was meinst du wohl, das diesem einfachen Manne nicht nur unter allen wahren Kindern Gottes in weiten Kreisen umher, sondern auch vor dem Herrn selbst so großen Wert verliehen hat? Du kannst es auch bekommen, bete darum; denn siehe, es war nichts anderes als die Liebe.“

Mit diesem Beitrag aus dem Buch „Von Nacht zum Licht“ von Vorsteher W.F. Thumm über seinen Verwandten Benedict Nimser kennzeichnete er den schlesischen Gerber und späteren Berater und Vater der Brüdergemeinde.

Das einstige Wohnhaus Nimsers ist als das älteste Gebäude in der Gemeinde im Stil aller ersten Häuser unverändert geblieben. Das Gebäude, das im Besitz der Zieglerschen ist, bedarf dringend einer Renovierung, die Ausstellungsstücke der Brüdergemeinde sollen thematisiert und strukturiert werden.


Wer war Benedict Nimser?
Am 05. März 1799 wurde Benedict in Olbersdorf bei Protzan (in der Nähe von Zittau) geboren. Der Vater war ein wohlhabender Bauer, er hieß Benedicte. Da er schon zwei Kinder mit dem Namen Benedict verloren hatte, sollte dieses Kind „Franz Josef Bernhard“ heißen.

In Protzan stand die Kirche, in der das Kindlein zur Taufe gebracht werden musste und zwar, wie es der Anstand bei begüterten Bauern gebot, zu Wagen. Zwischen beiden Orten fließt der nicht sehr große Bausebach, der durchfahren werden musste und – mitten im Bach warf der Fuhrmann um und bereitete der Taufgesellschaft ein unwillkommenes Märzbad. Man eilte der Kirche zu, wo der Pfarrer schon wartete und ohne Zögern zur heiligen Handlung schritt. Allein – wie sollte das Kindlein heißen? Mit Mut antwortete die Hebamme, sie habe den Auftrag, den Namen des Kindleins anzugeben: Heißen sie ihn nach seinem Vater – Benedict.
Benedict – der Gesegnete.
Schließlich beruhigte sich auch der Vater, weil er sah, dass das Kind sich gut entwickelte, trotz dem Bad im Bausebach.

Benedicts Kindheit war überschattet von Kriegswirren. Napoleon überzog mit seinen Truppen seine Heimat, und im Jahr 1809 starb sein Vater. Benedict war durch viele Gefahren wie auf Adlersflügeln getragen worden und immer wiederholte sich die Geschichte seiner Taufe: „Wenn du durch’s Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht sollen ersäufen.“

Als Benedict 14 Jahre alt war, wurde er zu seinem Schwager in Frankenstein getan, um dort die Gerberei zu erlernen. Frost, Nässe und Kalk machten ihm bei dieser Arbeit sehr zu schaffen, so dass er sonntags oft weinend auf der Ofenbank bei seiner Mutter saß.

Seine Wanderjahre
Am 28. Januar 1817 nahm er Abschied von seiner Heimat und zog, noch nicht 18 Jahre alt, hinaus in die Welt. Er hatte einen Pass, in dem war geschrieben, dass er die preußischen Lande nicht überschreiten durfte.
Seine Schwester begleitete in noch eine Strecke. Zum Abschied sagte sie ihm noch:
„Bendix, nimm dich in acht vor die Weibsleut,“ was er bis zu seinem Lebensende befolgte.

Er wanderte am Riesengebirge entlang zum Erzgebirge, dann über das Fichtelgebirge nach Bayern.
Überall sah er Sorge und Hunger.
Er zog um das ganze Königreich Böhmen, hatte Elbe, Main und Donau überschritten, hatte Dresden, München und Wien besucht. Von Lemberg (Ukraine) aus erreichte er die grimmig kalten Täler der Karpaten. Am 12. November 1818 erreichte er Colmar und im März 1819 wurde er in Wädenschweil am Züricher See von einem reformierten Gerbereibesitzer eingestellt. In seiner Kammer fand er eine Bibel. Er schrieb darüber:
„Ich hatte noch keine Bibel gesehen, wusste auch nicht, was Bibel war. Da dachte ich in meinem Herzen: willst doch sehen, ob die zwei Verse vom Abendmahl auch drin stehen. Ich schlage die Bibel auf und komme zur Offenbarung. Alsbald gedachte ich: Ei, du hast schon einmal gehört, dass uns die Offenbarung ganz besonders verboten ist, jetzt willst sie doch lesen. Ich habe sie schier zweimal durchgelesen….“

In dieser Zeit war es Katholiken verboten, die Bibel zu lesen. Benedict bekam deshalb großen Ärger mit seinem Beichtvater.

Wieder war er auf der Reise und befand sich im Schwäbischen.
Zwischen Harthausen und Sielmingen sieht er einen Herrn in raschem Reiseschritt auf sich zukommen.

„Was für ein Landsmann?“ „Ein Schlesinger.“ – „Suchst Arbeit?“ – „Ja“ – „Wenn du willst, kannst mit mir kommen. Ich bin Lederlakier in Reutlingen und suche einen Arbeiter.“

Schwer fiel ihm die Frage aufs Herz, ob es in Reutlingen eine katholische Kirche gibt. Eine Frau riet ihm freundlich, ohne Scheu die evangelische zu besuchen, es werde da auch Gottes Wort gepredigt.
„So gedachte ich, es ist auch wahr. Was dir nicht gefällt, das lässt du liegen. So ging ich in die evangelische Kirche.“

Sein Meister riet ihm, einen Nachbarn zu besuchen, der auch so viel in der Bibel lese. Die beiden waren viel beisammen und lasen in der Bibel. Oft ging es um das Anliegen Benedicts, „selig“ zu sein, aber er wusste nicht, wie er’s machen sollte. Nun fingen sie an, im Neuen Testament zu lesen. An Ostern ging er in Tübingen zum Beichten. Der dortige Beichtvater erlaubte es ihm, in der Bibel zu lesen. Kaum hatte er die Kirche verlassen, kaufte er sich eine Bibel. Reicher als ein König fühlte er sich. Alles, was er nicht verstand, besprach er mit seinem Nachbarn. Dieser war für ihn ein Wegweiser zur biblischen Wahrheit. So sprach Benedict darüber:

„Ich ging nun öfters in die Stille und redete mit meinem Gott und betete um Gnade. So kam ich auf das Herzensgebet, von dem ich früher gar nichts wusste. Ich fand Friede und Freude in Jesus.“

Begegnung mit Korntal

1820 besuchte er zum ersten Mal die Brüdergemeinde in Korntal. Er dachte:
„Welch ein Glück, Mitglied einer solchen Gemeinschaft sein zu dürfen!“

Hier genoss er zum ersten Mahl das Abendmahl mit Brot und Wein. Vorsteher Hoffmann bemerkte den jungen Bruder und nahm sich seiner mit Rat und Tat an.

Seit seiner Abreise von der Heimat 1817 war er dort wie verschollen. Die älter werdende Mutter wartete vergeblich auf Nachricht von ihrem jüngsten Sohn. Als er von einem Freund in Reutlingen im Schreiben und Lesen unterrichtet worden war, schrieb er u. a. 1820 an seine Mutter:
„…drittens tu ich Euch zu wissen, dass die Bekehrung zum christlichen Glauben sehr mächtig ist in allen Weltteilen. Ich danke Gott für die Stunde, in welcher er mich nach Reutlingen, ja ans Licht gebracht hat. … Ich wünsche Euch alle wieder so zu treffen, wie ich Euch verlassen habe, aber besser in der Liebe zu unserem Heiland.“

Wegen seines unerlaubten Grenzübertritts und der versäumten Militärpflicht reiste er 1825 der preußischen Grenze zu. Er erhielt die Erlaubnis, weiterhin in Württemberg zu leben. Allerdings verzichtete er damit gleichzeitig auf sein Recht, das Gut des Vaters zu beerben. Benedict nahm für seine Angehörigen Schriften von Tersteegen, Goßner, Hiller mit auf seine Reise.

Am begierigsten war seine Nichte Luise, aus diesen Büchern zu hören.

Nach seiner Rückkehr verschaffte Hoffmann ihm Arbeit in Kochendorf. Nach zwei Jahren wurde er dort mit Ehren entlassen und so ging er wieder seiner Heimat Korntal zu. „Ah, das ist recht, dass du kommst“, rief im Hoffmann entgegen „eben wollte ich dir schreiben.“


Wilhelmsdorf
1827 war einer der Kolonisten, der ledige Bruder Matthias Bippus, gestorben und hatte ein sehr kleines Häuschen hinterlassen. Das sollte Benedict kaufen. Da war ein ebenfalls katholischer Bruder, mit dem zusammen Benedict im August 1827 den neuen Haushalt begann. Zuerst musste er bei den Frauen in Wilhelmsdorf Anleitung holen, damit er diesen Haushalt führen konnte und das Kochen erlernen.

Zu einer Gerberei kam es nicht, aber Benedict betrieb eine kleine Brennerei und einen Lederhandel.

Im Frühjahr 1830 reiste er wieder in die alte Heimat nach Protzan. Dort trat die damals 15-jährige Luise, seine Nichte, an ihn heran und bat ihn, sie mitzunehmen nach Wilhelmsdorf.
Benedict erwarb im Laufe der Zeit Felder und betrieb Viehzucht. Sein Häuschen war der Treffpunkt der ledigen Brüder, auch Kinder aus der Schweiz fanden Aufnahme und Erziehung.

Benedict und seine Nichte Luise reisten im Frühjahr 1841 wieder einmal in ihre Heimat. Als sie zurück waren, schrieb er an seinen Bruder:
„Einesteils freute es uns, dass wir euch alle frisch und gesund antrafen, andernteils schmerzte es uns sehr, dass wir so großen Mangel des wahren seligmachenden Glaubens, so wie ihn das Wort Gottes beschreibt, unter euch wahrnahmen.“

Im Blick auf sein eigenes Ergehen fügte er hinzu:
„Wir sind nun wieder gerne in unserem lieben Wilhelmsdorf, und ich bin je länger je lieber da. Ich habe es auch viel leichter, da ich mit der Brennerei die Ökonomie aufgegeben habe. Der Herr ist mein Teil spricht meine Seele, darum will ich auf ihn hoffen.“

Nach der Aufgabe der Branntweinbrennerei betrieb Benedict trotz zunehmender Kränklichkeit eine Nudelfabrikation. Seine Ware war so gut, dass ihm die sich häufenden Bestellungen lästig wurden. Besuchende Frauen ließen sich nicht selten durch Neugier verleiten, da und dort heimlich eine Türe zu öffnen; überall fanden sie dieselbe Harmonie. Wer Benedict näher kannte, sagte: So geordnet ist auch sein innerer Haushalt.

1846 brach für die Gemeinde Wilhelmsdorf eine besonders schwere Zeit an. Wilhelmsdorf war verarmt und die Brüdergemeinde Korntal konnte fast nicht mehr die Lasten für Wilhelmsdorf tragen. G.W. Hoffmann war gerade gestorben.

Kurz vor seinem Tod schrieb er noch mit seinem Finger auf seine Bettdecke „Wilhelmsdorf“. Sein Sohn Wilhelm verlas an seinem Begräbnis einen Brief von ihm mit der Bitte, Wilhelmsdorf nicht fallen zu lassen.

Benedict stand für Wilhelmsdorf ein wie kein Anderer. In einer Gemeinderatsitzung jener Zeit wurden einmal die Angelegenheiten einiger Verarmten beraten.
Vorwürfe wurden laut, nur Benedict Nimser saß schweigend da. Befragt, warum er so still sei, sagte er:
„Ich gehe die Bibel durch. Ich denke, die Armen des alten und neuen Testaments und die Ursachen ihrer Verarmung werden keine anderen gewesen sein, als heute noch. Da ist es mir sehr merkwürdig, dennoch Gott immer auf der Seite der Armen zu sehen.“

Betroffen schwiegen die Kritiker und die Beratung nahm eine neue Wendung.
Er schrieb in dieser Zeit:
„Wenn ich auf unser Tun und Ding sehe, so vergeht mir der Mut, dass ich alles hinwerfen möchte. Fasse ich aber Gottes Liebe und Barmherzigkeit ins Auge, so wird mir wohl und warm ums Herz. Ach, wie viel Langmut und Geduld hat der treue Gott an uns bewiesen, und seine Güte ist noch alle Morgen neu, dass man sehen Kann, wie er das Verwickelte löst, das Abgerissene anknüpft, den Frieden so nach und nach herstellt, und gegenseitig Zutrauen und Liebe pflanzt. Da darf man sich freuen und ihm danken.“

Benedict stand schon längere Zeit der Hahnschen Gemeinschaft nah. Auch diese Gemeinschaft unterstützte Wilhelmsdorf mit großen Geldbeträgen, so dass Wilhelmsdorf erhalten geblieben ist.

1848 verheiratete sich seine Nichte mit Wilhelm Friedrich Thumm, dem Instituts- und Gemeindevorsteher.

Von 1847 an hatte Benedict in der neu geregelten Gemeinde als Leiter mitzuwirken. Er war Gemeinderat und Gemeinderechner bis zu seinem Tod, und in beiden Stellungen ein Mann, auf den man sich verlassen konnte. Das Wohl der Gemeinde war ihm eine Herzensangelegenheit. Er gehörte zu den Stillen im Lande. Was er sprach, war mit Salz gewürzt. Das Wort Gottes war ihm über alles wichtig.

Die Strapazen der Jugendzeit offenbarten jetzt ihren Einfluss in zunehmender Kränklichkeit.
Viele Jahre plagte ihn Schlaflosigkeit.
Am 13. Juli 1863, nachts, stand sein Herz still. In der Gemeinde flossen viele Tränen um diese Säule in der Gemeinde. Man sagte über ihn:

„Der Gerber ist nicht nur ein aufrichtiger Mann, sondern er ist ein Mann nach dem Herzen Gottes gewesen. Wie er leben wenige mehr.“
Der von ihm geliebten Gemeinde Wilhelmsdorf musste nach seinem letzten Auftrag gesagt werden:

„Ich bin ein großer Sünder gewesen, aber mir ist Barmherzigkeit widerfahren!“

Wir hoffen, dass in dem Benedict-Nimser-Haus ein Haus der Wilhelmsdorfer Geschichte, eine Erinnerungsstätte für Gottes Durchhilfe in fast 190 Jahren bleibt. So werden sicher weiterhin die Brüdergemeinde, die Zieglerschen, das Hoffmannhaus und die bürgerliche Gemeinde sich bemühen, ein Zeichen am Weg zur Geschichte Wilhelmsdorfs darzustellen.

Wolfgang Link
Juni 2013


Quellen:
Auszüge aus dem Lebensbild von F.J. Benedict Nimser, „Durch Nacht zum Licht“,
verfasst von W.F. Thumm, bearbeitet von Pfarrer Gerh. Döffinger

"Württembergische Väter", zweite Hälfte, "Aus den Gemeinschaften", Seite 310 - 312, herausgegeben vom Calwer Verlagsverein, Calw + Stuttgart 1905, Vierter Band.