Gemeinschaftsstunde

Ein Bericht von Albert Dümmel und Ernst Blickle

Herbst 2001

Aus der Gründerzeit der Brüdergemeinde Wilhelmsdorf ist bekannt, dass von Anfang an und in den Jahrzehnten vor und nach 1900 außer den täglichen Abendandachten und den Sonntagsgottesdiensten auch regelmäßig Erbauungsstunden - jeweils am Sonntagnachmittag - stattgefunden haben.

Es waren "ernste" Christen, die 1819 nach Korntal und ab 1924 nach Wilhelmsdorf gezogen sind. Sie erwarteten - nach Prälat Albrecht Bengels Berechnungen - die Wiederkunft Jesu im Jahre 1836. Nach urchristlicher Art wollten sie für ihren Herrn und Heiland Jesus Christus bereit und bereitet sein, im Glauben erbaut durch ein Leben der Heiligung und in Ausübung geschwisterlicher Liebe. Das ist bis heute ein vorrangiges Ziel der Christen in Wilhelmsdorf. Einfache Bauern, Handwerker, Lehrer und vereinzelt evangelische Pfarrer haben damals solche pietistischen Versammlungen begonnen. Um 1800 entstanden im Unterland und auf der Schwäbischen Alb vielerorts "Hahn'sche Gemeinschaften", nach dem Bauern Michael Hahn benannt. Er dichtete selbst oft spontan viele geistliche und erbauliche Lieder. In Pregizer Stunden sammelten sich Gläubige im und am Rande des Schwarzwaldes um Pfarrer Pregizer. Die Kullenschen Gemeinschaften auf der Uracher Alb, begonnen von dem Dorfschulmeister Kullen in Hülben, Überdauerten mehrere Generationen his in unsere Tage. Nachkommen aus dieser Familie sind die bekannten Jugendpfarrer Wilhelm und Johannes Busch, Essen, die Pfarrbruder Scheffbuch und Pfarrer Konrad Eißler mit Sohn.

Die "Stunden" in Korntal, Hülben, Wilhelmsdorf und an anderen Orten wurden durch ihre jeweiligen Leiter besonders geprägt. Sie pflegten aber auch einen regen Austausch untereinander und nicht nur ihre Eigenheiten. So verdankt z.B. die Brüdergemeinde Wilhelmsdorf ihr Überleben u.a. dem bewährten Gemeinschaftsmann Kolb aus Dagersheim, der ein enger Vertrauter, ein brüderlicher Freund von G.W. Hoffmann war (s. Königskind S. 101 ff). Auch heute noch pflegen Gemeinschaftsleute von der Alb, dem Schwarzwald und dem Unterland ihre Kontakte zur Wilhelmsdorfer Gemeinschaft, besuchen am Jahresfest die Geschwister und die "Stunde der Gemeinschaft". Sie beten für Wilhelmsdorf und sammeln im Herbst für die Häuser der Diakonie.

Die "redenden Brüder" legen vorgegebene oder manchmal auch frei gewählte Bibeltexte aus. Ihre Zeugnisse sind und waren auch früher stark vom prophetischen Wort bestimmt, reich an Lehre und Ermahnung für den praktischen Alltag im Leben eines Christen. Die Bibel gibt ihnen Antwort auf bewegende Lebensfragen.

Die Stunde beginnen wir mit Gesang und Gebet. Die Lieder wählen wir aus dem Kirchengesangbuch, meist aber aus dem Gemeinschaftsliederbuch "Jesus unsere Freude". Uns liebe Lieder sind z.B. "Herz und Herz vereint zusammen..", "Oh, hätt' ich tausend Zungen nur, zu rühmen Jesu Tat", "Jesus, wir sehen (warten) auf dich" u.a.. Zum Schluß beten meist zwei Bruder, danken für den Segen und tun Fürbitte.

Die Geschwister pflegen einen persönlichen Austausch, besuchen sich gegenseitig, stehen einander bei in Freud und Leid wie Krankheit, Trauer usw.. Besonders gemeinschaftsfördernd erleben sie die Konferenzen und Treffen auf Bezirksebene.

Die sieben Gemeinschaften in Oberschwaben (Lindau, Friedrichshafen, Leutkirch, Isny, Ravensburg-Weingarten, Wälde-Winterbach und Wilhelmsdorf) werden von 2 Bezirksbrüdern und einem Gemeinschaftspfleger betreut, heute von Helmut Volz aus Lindau. Viele der Nachkriegs-Jahre war es Prediger Scholl aus Memmingen.

Aus der Zeit vor und nach dem ersten Weltkrieg ist von der Wilhelmsdorfer Stunde wenig bekannt. Friedrich Ziegler, der Vater des kürzlich verstorbenen Reinhold Ziegler, hielt sich zur Gemeinschaft. Sein Assistent in Schule und Gemeinschaft war Johannes Gutbrod (Vater von Hanna Gutbrod). Bekannte Namen von ehemaligen Gemeinschaftsgliedern sind Wilhelm Kurrle, Gottlieb Gösele, Wilhelm Schuler, Heinrich Mangold, Hans Erhard und viele andere. Männer und Frauen aus den Wilhelmsdorfer Familien Metzger, Mader, Glaser, Wiedmayer, Walz u.a. besuchten regelmäßig die Stunde. Lange Zeit leitete sie Hausvater Herrmann - ein Chrischonabruder und Schweizer Staatsbürger. Nach ihm sind zu nennen: Wilhelm Stäbler ist Albert Dümmel, Taubstummenlehrer i.R., der für die Stunde verantwortliche Bruder. Er wird von mehreren Brüdern unterstützt.

Unter Wilhelm Fuchs erfolgte der Anschluß an den "Altpietistischen Gemeinschaftsverband e.V." in Stuttgart. Bei ihm sind die jeweiligen Gemeinschaftspfleger angestellt. Er ist gemeinnützig (anerkannt) und arbeitet ausschlief3lich auf Opfer- und Spendenbasis. Er steht innerhalb der evangelischen Landeskirche von Württemberg und ist Mitglied des Gnadauer Gemeinschaftsverbandes, welcher u.a. für die Vorbereitung der Allianzgebetswochen verantwortlich zeichnet.

Der Vorsitzende des Altpietistischen Gemeinschaftsverbandes ist Otto Schaude, ehemals Rektor der freien Evang. Schule in Reutlingen. Er ist gewähltes Mitglied der Ev. Landessynode von Württemberg und Ausschußmitglied im Gnadauer Gemeinschaftsverband e.V. Dillingen/Westfalen. Alle regelmäßigen Besucher der Gemeinschaftsstunde erhalten die monatlich erscheinende Zeitschrift der "Altpietistischen Gemeinschaft".

Die Gemeinschaftsstunde findet in Wilhelmsdorf im Sommer um 19.00 im Haus "Höchsten" statt. Sie ist voll in die Brüdergemeinde und ihren regelmäßigen Veranstaltungen integriert.

Wenn Sie mehr davon erfahren wollen, besuchen Sie doch einmal die "Wilhelmsdorfer Stunde". Sie sind herzlich eingeladen!

Kontaktadresse:
Ernst Blickle, Tel. 07503/768